Wann ist es ratsam, ein Nahrungsergänzungsmittel während einer medizinischen Behandlung einzunehmen?
Sofort-Zusammenfassung
Ein Nahrungsergänzungsmittel wird einer medizinischen Therapie nie ohne ärztlichen oder pharmazeutischen Rat hinzugefügt: gewisse Pflanzen und Mineralstoffe verändern die Wirkung der Medikamente, mitunter erheblich.
Schlüsselfakten
Wichtigste Punkte
- Jede Kombination Präparat-Medikament muss vorab durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apothekerin bzw. einen Apotheker validiert werden: 23 bis 82 % der Seniorinnen und Senioren kombinieren beide, ohne ihre Fachperson zu informieren (Cureus-Übersicht 2025).
- Johanniskraut beschleunigt den Abbau vieler Medikamente in der Leber über das Enzym CYP3A4 — das rund die Hälfte der gängigen Medikamente metabolisiert — und senkt die Wirksamkeit von Antidepressiva, Immunsuppressiva, Antikoagulanzien und oralen Verhütungsmitteln.
- Calcium, Eisen, Magnesium und Zink blockieren die Aufnahme vieler Antibiotika, Thyreostatika und Bisphosphonate: zwischen den beiden Einnahmen müssen mindestens 2 bis 4 Stunden Abstand eingehalten werden.
- Vor einer chirurgischen Operation müssen die meisten pflanzlichen Präparate (Ginkgo, Knoblauch, Ginseng, Johanniskraut, Vitamin E) 1 bis 2 Wochen vor dem Eingriff abgesetzt werden, um das Blutungsrisiko zu begrenzen.
- In der Schweiz sind Nahrungsergänzungsmittel Lebensmittel, die vom BLV über die VNem reguliert werden: sie dürfen weder eine Krankheit behandeln noch heilen und ersetzen niemals ein verschriebenes Medikament.
In der Schweiz nimmt rund ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung gemäss der BLV-Umfrage 2022 mindestens ein Nahrungsergänzungsmittel ein, und der Anteil steigt bei Personen mit einer chronischen Erkrankung auf über 80 % (Cureus-Übersicht 2025). Die Welt der Nahrungsergänzungsmittel überschneidet sich also dauerhaft mit jener der Medikamente, mitunter ohne dass die Ärztin oder der Arzt davon weiss. Diese Seite behandelt gezielt den Einnahmezeitpunkt eines Präparates, wenn bereits eine medizinische Therapie läuft: unter welchen Bedingungen, unter welcher Überwachung, mit welchem zeitlichen Abstand und in welchen Fällen man ganz darauf verzichten sollte.
Sollte man ein Nahrungsergänzungsmittel während einer medizinischen Behandlung einnehmen?
Warum vor allem mit der Ärztin, dem Arzt oder der Apothekerin bzw. dem Apotheker sprechen
Vor jeder Einnahme muss man es seiner Ärztin, seinem Arzt oder seiner Apothekerin, seinem Apotheker sagen — das ist der erste Ratschlag jeder Fachperson für Gesundheit, ohne Ausnahme. Eine 2025 in Cureus erschienene aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit hat sechzehn internationale Studien analysiert: zwischen 23 % und 82 % der älteren Personen nehmen Präparate und Medikamente gleichzeitig ein[1], doch ihre Fachpersonen wissen fast nie davon. Diese fehlende begleitende Information erklärt einen Grossteil der vermeidbaren Zwischenfälle. Die Apothekerin oder der Apotheker ist oft am leichtesten erreichbar: sie bzw. er kennt die Liste Ihrer Therapien, verfügt über Wechselwirkungsdatenbanken und kann innerhalb von Sekunden anzeigen, ob eine Kombination problematisch ist. In der Schweiz sind Präparate Lebensmittel, reguliert vom BLV über die Verordnung VNem[2]: sie unterliegen keinem Zulassungsverfahren wie ein von Swissmedic zugelassenes Medikament, und ihre Anwendungssicherheit wird nicht vorab bewertet. Dieser Unterschied im Rahmen macht die medizinische Prüfung umso nützlicher, insbesondere bei laufender medikamentöser Therapie.
In welchen Fällen ein Präparat während einer Behandlung sinnvoll ist
Ein Nahrungsergänzungsmittel während einer Therapie ergibt nur dann Sinn, wenn es einen nachgewiesenen Mangel ausgleicht oder eine Wirkung des Medikaments auf den Organismus kompensiert. Drei Situationen dominieren. Zunächst die durch Blutuntersuchung festgestellten Mängel, zum Beispiel Vitamin B12 bei Patientinnen und Patienten unter Langzeit-Metformin oder Eisen bei objektivierter Anämie — eine gezielte Zufuhr ergänzt dann die Ernährung. Sodann die durch bestimmte Medikamente induzierten Defizite: eine 2026 im American Journal of Health-System Pharmacy erschienene Übersicht dokumentiert, wie mehrere Antiepileptika und Antipsychotika die Spiegel von B-Vitaminen, Vitamin D, Zink oder Selen senken[3], und rechtfertigen mitunter eine gezielte Supplementierung zur Unterstützung des Ernährungsgleichgewichts. Schliesslich Schwangerschaft und Stillzeit, in denen Folsäure und Vitamin D von den Fachgesellschaften auch bei laufender Therapie empfohlen werden, auf ärztlichen Rat. Ausserhalb dieser Fälle setzt das Hinzufügen eines Präparats «um sich besser zu fühlen» vor allem dem Wechselwirkungsrisiko aus[8], ohne nachgewiesenen Nutzen; eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung deckt bereits den Grossteil des Bedarfs an Vitaminen und Mineralstoffen.
Welche Nahrungsergänzungsmittel bergen ein Wechselwirkungsrisiko?
Die Pflanzen: Johanniskraut, Ginkgo, Knoblauch, Ginseng
Pflanzliche Zubereitungen konzentrieren die schwerwiegendsten Wechselwirkungen mit Medikamenten. Johanniskraut ist der am besten dokumentierte Fall: sein Wirkstoff beschleunigt den Abbau der Medikamente in der Leber[4] und senkt die Wirksamkeit von Antidepressiva, Immunsuppressiva nach Transplantation, oralen Antikoagulanzien, der Verhütungspille und mehreren Virostatika[7]. Eine 2024 in Seminars in Thrombosis and Hemostasis erschienene Übersicht empfiehlt Patientinnen und Patienten unter Antikoagulanzien ausdrücklich, Johanniskraut zu meiden[5]. Ginkgo, hoch dosierter Knoblauch und Ginseng — pflanzliche Substanzen, die häufig frei verkauft werden — können mit diesen Therapien interagieren und erhöhen das Blutungsrisiko bei Patientinnen und Patienten unter Antikoagulanzien oder Plättchenhemmern. Eine 2024 im Journal of Clinical Anesthesia erschienene Übersicht erinnert daran, dass diese Pflanzen an der Spitze der vor jeder Operation zu meldenden Produkte stehen[6]. Die praktische Regel: keine Pflanze in Kapseln, kein medizinischer Tee und kein therapeutisch ausgerichtetes Gemisch ohne vorherige Validierung durch die Fachperson.
Die Mineralstoffe, die die Aufnahme der Medikamente blockieren
Calcium, Eisen, Magnesium und Zink — vier gängige Mineralsalze in Nahrungsergänzungsmitteln — bilden im Verdauungstrakt Komplexe mit mehreren Medikamenten und verhindern deren Aufnahme[8]. Antibiotika der Familie der Tetrazykline und Fluorchinolone verlieren einen grossen Teil ihrer Wirksamkeit, wenn sie gleichzeitig mit diesen Mineralstoffen eingenommen werden, wegen einer schlecht abgestimmten zeitgleichen Einnahme. Levothyroxin, die Therapie der Hypothyreose, ist sehr empfindlich: zusammen mit Calcium oder Eisen eingenommen, kann seine Bioverfügbarkeit je nach Formulierung um 20 bis 50 % sinken[1], was das Schilddrüsengleichgewicht destabilisiert. Die Bisphosphonate gegen Osteoporose folgen derselben Logik. Die Lösung ist einfach und wirksam: die Einnahme um 2 bis 4 Stunden zeitlich versetzen, je nach betroffenem Medikament-Mineralstoff-Paar. Die Apotheke, die Packungsbeilage oder die Verpackung geben die genau einzuhaltende Dauer an; diese begleitende Information gehört zur empfohlenen Dosierung.
Wie organisiert man seine Präparate bei einer medizinischen Behandlung?
Medikament und Präparat über den Tag staffeln
Wenn die Kombination validiert ist, besteht die allgemeine Regel darin, Medikament und Präparat um mehrere Stunden zu trennen, um Aufnahme-Wechselwirkungen zu begrenzen. Für Antibiotika vom Typ Tetrazyklin oder Fluorchinolon ist üblicherweise ein Abstand von 2 bis 4 Stunden zu Calcium, Eisen, Magnesium oder Zink empfohlen[8]. Für Levothyroxin erfolgt die Einnahme morgens nüchtern, und Präparate mit Calcium oder Eisen werden mindestens 4 Stunden später eingenommen[1]. Für die Bisphosphonate gegen Osteoporose ist das Zeitfenster noch strenger: kein Mineralstoffpräparat innerhalb von 30 Minuten bis 2 Stunden nach der Einnahme, je nach Molekül. Eine kleine Papiertabelle oder eine Notiz auf dem Telefon zu führen — Uhrzeit des Medikaments, Uhrzeit des Präparates — gehört zu einer guten Anwendungshygiene: das vermeidet Vergessen und erleichtert den Austausch mit der Ärztin oder dem Arzt bei der Verlaufskontrolle. Bei Unsicherheit über den genauen Abstand für eine persönliche Situation bleibt die Apotheke zu fragen oder die Ärztin bzw. den Arzt zu konsultieren der sichere Reflex.
Wann die Präparate vor einer Operation absetzen
Vor einer chirurgischen Operation müssen die meisten pflanzlichen Präparate und gewisse Vitamine vorab abgesetzt werden, um das Blutungsrisiko und die Wechselwirkungen mit Anästhetika zu begrenzen. Die US-amerikanischen Anästhesiegesellschaften empfehlen ein Absetzen 1 bis 2 Wochen vor dem Eingriff[6]; diese Karenzzeit gilt auch für hoch dosierte Fettsäuren. Vorrangig betroffen sind: Ginkgo, hoch dosierter Knoblauch, Ginseng, Johanniskraut, hoch dosiertes Vitamin E, hoch dosierte Omega-3. Eine 2024-Studie im Journal of Clinical Anesthesia hebt hervor, dass 50 bis 70 % der Patientinnen und Patienten der Chirurgin oder dem Chirurgen ihre Pflanzeneinnahme nicht melden[6], was die Risikobewertung erschwert. Die Vorgabe lautet daher, die Ärztin oder den Arzt zu informieren und zur präoperativen Konsultation die vollständige Liste aller eingenommenen Mittel mitzubringen — einschliesslich Aufgüssen und medizinischen Tees — und dem ärztlichen Rat zu den vorzusehenden Absetzungen zu folgen. Über die Chirurgie hinaus erfordern schwere Therapien wie Chemotherapie, Radiotherapie oder Transplantationen die gleiche Wachsamkeit, in Absprache mit der Onkologin, dem Onkologen oder der zuständigen Spezialistin bzw. dem zuständigen Spezialisten.
Häufig gestellte Fragen zu Präparaten und medizinischer Behandlung
Kann man ein Nahrungsergänzungsmittel zur gleichen Zeit wie ein Medikament einnehmen?
Das hängt vom Paar Präparat-Medikament ab und muss von einer Fachperson validiert werden. Manche Kombinationen sind neutral, andere reduzieren die Wirksamkeit des Medikaments oder verstärken seine Wirkungen. Eine Cureus-Übersichtsarbeit von 2025 beschreibt eine Kombinationsrate Präparat-Medikament von 23 bis 82 % bei älteren Personen, ohne Information der Ärztin oder des Arztes in den meisten Fällen. Die praktische Regel: alles aufschreiben, was man einnimmt, einschliesslich Vitamine und Pflanzen, und der Ärztin, dem Arzt oder der Apothekerin bzw. dem Apotheker vor jeder neuen Kombination vorlegen.
Welche Präparate sollte man unter Antikoagulanzien vermeiden?
Johanniskraut, Ginkgo, hoch dosierter Knoblauch, Ginseng und hoch dosiertes Vitamin E sind unter Antikoagulanzien am problematischsten. Johanniskraut senkt die Wirksamkeit der Therapie und erhöht das Thromboserisiko; die anderen verstärken das Blutungsrisiko. Eine 2024 in Seminars in Thrombosis and Hemostasis erschienene Übersichtsarbeit empfiehlt ausdrücklich, diese Pflanzen unter oralen Antikoagulanzien zu meiden. Jede Einnahme muss über die zuständige Ärztin oder den zuständigen Arzt — Kardiologin/Kardiologe, Hämatologin/Hämatologe oder Hausärztin/Hausarzt — laufen, die bzw. der die biologische Überwachung anpasst.
Wie lange muss man zwischen einem Medikament und einem Präparat warten?
Der übliche Abstand beträgt 2 bis 4 Stunden, doch die genaue Regel hängt vom betroffenen Paar ab. Calcium, Eisen, Magnesium und Zink blockieren die Aufnahme von Tetrazyklinen, Fluorchinolonen und Levothyroxin. Levothyroxin verlangt mindestens 4 Stunden Abstand zu einem Calcium- oder Eisenpräparat; Bisphosphonate verlangen 30 Minuten bis 2 Stunden ohne jegliches Mineralstoffpräparat, je nach Molekül. Der genaue Abstand steht in der Packungsbeilage des Medikaments oder ist in der Apotheke zu erfragen — besser nachfragen als sich auf eine allgemeine Regel verlassen.
Sollte man seine Präparate vor einer Operation absetzen?
Ja, die meisten pflanzlichen Präparate und gewisse Vitamine werden 1 bis 2 Wochen vor dem Eingriff abgesetzt. Die US-amerikanischen Anästhesiegesellschaften zielen besonders auf Ginkgo, Knoblauch, Ginseng, Johanniskraut, hoch dosiertes Vitamin E und hoch dosierte Omega-3 ab, wegen des Blutungsrisikos und der Wechselwirkungen mit Anästhetika. Die vollständige Liste der Präparate zur präoperativen Konsultation mitzubringen — einschliesslich Aufgüssen und medizinischen Tees — erlaubt der Chirurgin bzw. dem Chirurgen und der Anästhesistin bzw. dem Anästhesisten, das genaue Absetzdatum festzulegen.
Bereitet Johanniskraut wirklich so viele Probleme, wie man liest?
Ja, Johanniskraut gehört zu den risikoreichsten Präparaten. Es aktiviert das CYP3A4-Enzym der Leber stark, das rund die Hälfte der gängigen Medikamente metabolisiert, und reduziert dadurch die Wirksamkeit von Antidepressiva, Immunsuppressiva, gewissen Antikoagulanzien, Virostatika und oralen Verhütungsmitteln. Mehrere Übersichtsarbeiten, darunter PeerJ 2023 und Molecules 2022, zählen diese Wechselwirkungen zu den am besten dokumentierten. Eine ungewollte Schwangerschaft unter Pille plus Johanniskraut wurde bereits beschrieben. Keine Einnahme ohne ärztliche Beratung, insbesondere bei chronischer Therapie.
Quellen und Referenzen
8 Quellen- Changaramkumarath G, et al. Pharmacological Interactions Between Nutritional Supplements and Prescription Medications in Older Adults
- BLV — Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Nahrungsergänzungsmittel
- Cupp MA, Nelson LA. Identification and management of psychiatric medication-induced nutrient depletion
- Czigle S, et al. Pharmacokinetic and pharmacodynamic herb-drug interactions — central nervous system
- Talasaz AH, et al. Pharmacokinetic and Pharmacodynamic Interactions between Food or Herbal Products and Oral Anticoagulants
- Elvir Lazo OL, et al. Use of herbal medication in the perioperative period: Potential adverse drug interactions
- Kenda M, et al. Medicinal Plants Used for Anxiety, Depression, or Stress Treatment: An Update
- Bell V, et al. An Update on Drug-Nutrient Interactions and Dental Decay in Older Adults