Omega-3: Welche Dosis EPA und DHA, für welche Wirkung

Das Wichtigste in Kürze

Marine Omega-3-Fettsäuren haben eine nachgewiesene Wirkung, und sie ist präziser, als gemeinhin erzählt wird. Die umfangreichste verfügbare Auswertung, 86 randomisierte Studien und knapp 163 000 Teilnehmende, belegt mit hoher Sicherheit, dass sie die Triglyzeride um rund 15 % senken, dosisabhängig. Das ist das Feld, auf dem sie am nützlichsten sind und auf dem die Menge tatsächlich zählt. Bei den Herz-Kreislauf-Ereignissen dagegen ist der beobachtete Nutzen gering und wächst nicht mit der Dosis: Das zu wissen hilft, ein Produkt nach dem eigenen Ziel zu wählen statt nach einem allgemeinen Versprechen.

Frisches Lachsfilet auf zerstossenem Eis, Schälchen mit grünen Meeresalgen und goldene Ölkapseln
Fetter Fisch und Algenöl sind die zwei Quellen von EPA und DHA (Illustration).

Omega-3-Fettsäuren gehören zu den am besten untersuchten Nährstoffen des Marktes, mit Zehntausenden Teilnehmenden in den Studien. Diese Fülle ist ein Glück: Sie erlaubt es, genau zu sagen, was sie bewirken, in welcher Dosis und für wen, statt sich mit einem vagen Versprechen zu begnügen.

Genau darum geht es in diesem Artikel: das Feld zu benennen, auf dem ihre Wirkung am solidesten ist, jenes, auf dem sie es weniger ist, und was das für die Produktwahl bedeutet. Er dient der Information und ersetzt nicht die Beurteilung durch Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.

EPA, DHA, ALA: drei Moleküle, zwei Herkünfte

Die marinen Omega-3-Fettsäuren

EPA und DHA gelten als langkettig und stammen aus fettem Fisch und Algen. Sie wurden am meisten untersucht und finden sich in den Fischölkapseln. DHA ist besonders in der Netzhaut und im Gehirn vertreten.

Die pflanzliche Omega-3-Fettsäure

Die Alpha-Linolensäure oder ALA stammt aus Pflanzen: Nüsse, Leinsamen, Chiasamen, Raps. Der Körper wandelt sie in EPA und dann in DHA um, jedoch mit geringer Ausbeute. Deshalb sind ALA und marine Omega-3-Fettsäuren nicht austauschbar, und deshalb wurden sie getrennt bewertet.

Was 86 randomisierte Studien zeigen

Der Umfang der Synthese

Die Cochrane-Übersicht zum Thema hat 86 randomisierte Studien und 162 796 Teilnehmende zusammengeführt, mit Laufzeiten von 12 bis 88 Monaten und Dosen von 0,5 g bis über 5 g pro Tag, wobei neunzehn Studien mindestens 3 g täglich verwendeten[1]. Sie ist nach Aussage ihrer Autorinnen und Autoren die vollständigste bisher durchgeführte Bewertung der Wirkungen von Omega-3 auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit.

Die Hauptergebnisse

Mehr marine Omega-3-Fettsäuren hatten wenig oder keine Wirkung auf die Gesamtsterblichkeit, ebenso wenig auf Herz-Kreislauf-Ereignisse, auf den Hirnschlag oder auf Herzrhythmusstörungen[1]. Für die Gesamtsterblichkeit und die Herz-Kreislauf-Ereignisse wird die Sicherheit dieser Schlussfolgerung als hoch bezeichnet, was selten ist und bedeutet, dass neue Studien das Ergebnis kaum umstossen dürften.

Was sich leicht bewegt

Auf der koronaren Seite gibt es ein Signal: Marine Omega-3-Fettsäuren könnten die koronare Sterblichkeit und die koronaren Ereignisse leicht verringern, mit geringer Sicherheit[1]. Das ist nicht nichts, doch das Ausmass dieses Nutzens verdient es, in klare Sprache übersetzt zu werden, was der nächste Abschnitt tut.

Die Zahl, die alles einordnet

Wie viele Personen für einen Nutzen

Die Autorinnen und Autoren liefern eine Angabe, die das Marketing nie aufgreift: die Zahl der Personen, die man behandeln müsste, um ein Ereignis zu verhindern. Sie beträgt 167 Personen, um ein koronares Ereignis zu verhindern, und 334 Personen, um einen koronaren Todesfall zu verhindern[1].

Wie man das liest

Das heisst: Wenn 167 Personen über Jahre Omega-3 einnehmen, wird eine einzige ein koronares Ereignis vermeiden, das sie sonst gehabt hätte; die übrigen 166 ziehen diesen Nutzen nicht. Das ist kein Argument, die Kapseln wegzuwerfen, es ist eine Einordnung der Grössenordnung. Entscheide im Gesundheitswesen werden mit solchen Zahlen getroffen, und individuelle Entscheide würden davon profitieren.

Das kontraintuitivste Ergebnis

Eine letzte Angabe verdient es, bekannt zu sein: In den vorab geplanten Auswertungen unterschieden sich die Wirkungen weder nach Studiendauer noch nach Dosis der marinen Omega-3-Fettsäuren[1]. Mit anderen Worten: Die verbreitete Vorstellung, «man muss einfach die richtige Dosis nehmen», wird von dieser Auswertung für Herz-Kreislauf-Ereignisse nicht gestützt. Die Dosis zu erhöhen verwandelt ein neutrales Ergebnis nicht in ein positives.

KriteriumWirkungSicherheit
GesamtsterblichkeitWenig oder keine WirkungHoch
Herz-Kreislauf-EreignisseWenig oder keine WirkungHoch
Koronare EreignisseLeichte Verringerung, 167 Personen für ein verhindertes EreignisGering
HirnschlagKeine WirkungModerat
TriglyzerideRückgang um rund 15 %, dosisabhängigHoch

Die einzige solide und dosisabhängige Wirkung

Die Triglyzeride

Das ist das klarste Ergebnis der ganzen Übersicht, und es hat hohe Sicherheit: Mehr marine Omega-3-Fettsäuren senken die Triglyzeride um rund 15 %, dosisabhängig[1]. Hier zählt die Dosis wirklich, anders als bei den klinischen Ereignissen.

Warum das wichtig ist

Daraus ergibt sich eine überlegte Anwendung: Marine Omega-3-Fettsäuren haben eine messbare und reproduzierbare biologische Wirkung auf einen bestimmten Blutwert. Eine Zahl zu senken ist allerdings nicht dasselbe wie einen Herzinfarkt zu verhindern, und genau das zeigt der Gegensatz zwischen diesen beiden Ergebnissen innerhalb derselben Auswertung.

Und die pflanzliche Omega-3-Fettsäure

Für ALA kommt die Übersicht zu wenig oder keinem Unterschied bei der Gesamt- und der koronaren Sterblichkeit. Zwei leichte Signale erscheinen: eine mögliche kleine Verringerung der Herz-Kreislauf-Ereignisse und eine wahrscheinliche Verringerung des Risikos für Herzrhythmusstörungen[1]. Die betroffenen Fallzahlen sind viel kleiner, was zur Vorsicht mahnt.

Fisch, Kapseln oder Algen

Fisch essen

Die Übersicht hält fest, dass es wenige Daten zu den Wirkungen des Fischverzehrs selbst gibt, da die meisten Studien Kapseln geprüft haben[1]. Das heisst nicht, dass Fisch uninteressant wäre: Es heisst, dass er in diesem Studienformat wenig untersucht wurde und dass er im Übrigen Proteine, Jod und Selen liefert, die eine Kapsel nicht bringt.

Die Schweizer Frage

Die Schweiz ist ein Binnenland und der Fischkonsum bleibt hier bescheiden. Das wird oft als Begründung für eine Ergänzung angeführt. Darüber lässt sich streiten: Angesichts der obigen Ergebnisse geht es weniger darum, einen vermuteten Mangel auszugleichen, als darum, zu wissen, welchen Nutzen man genau erwartet.

Krill, Ester, Triglyzeride: ändert die Form etwas?

Das ist das häufigste Verkaufsargument im Regal, und eine randomisierte Doppelblindstudie hat es direkt geprüft. Sechsundsechzig Erwachsene erhielten vier Wochen lang dieselbe Dosis EPA und DHA, rund 1,3 g pro Tag, in drei verschiedenen Formen: Fischöl als Ethylester, Fischöl als Triglyzeride oder Krillöl. Die nach vier Wochen erreichten Blutwerte unterschieden sich zwischen den drei Formen nicht wesentlich, und der in den roten Blutkörperchen gemessene Omega-3-Index war vergleichbar[2].

Die praktische Schlussfolgerung ist einfach und spart Geld: Bei gleicher Dosis EPA und DHA zählt die Form wenig. Das massgebende Kaufkriterium ist somit die tatsächliche Menge EPA und DHA pro Kapsel, auf der Rückseite der Packung angegeben, und nicht das Versprechen einer überlegenen Form. Eine Bemerkung zur Einordnung: Diese Studie wurde von Autorinnen und Autoren durchgeführt, die einem Zutatenhersteller angehören, was sie nicht entwertet, aber bekannt sein sollte.

Das Algenöl

Es liefert EPA und DHA direkt, ohne Umweg über den Fisch, was es zur passenden Quelle für vegetarisch und vegan lebende Menschen macht. Was die Wirkungen angeht, liefert es dieselben Moleküle und wird daher mit demselben Raster gelesen.

Was konkret tun

Drei Situationen unterscheiden

Wenn Sie gesund sind, bleibt die Ernährung als Ganzes die Priorität, ohne von einer Kapsel eine grosse Schutzwirkung zu erwarten. Wenn Sie erhöhte Triglyzeride haben, ist das das einzige Feld, auf dem die Wirkung klar und dosisabhängig ist, und das bespricht man mit einer Ärztin oder einem Arzt. Wenn Sie eine bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung oder eine laufende Behandlung haben, liegt der Entscheid ebenfalls bei ihnen.

Dieses Dossier lädt vor allem dazu ein, in Kenntnis der Sachlage zu wählen. Marine Omega-3-Fettsäuren tun etwas Präzises und gut Belegtes: Sie senken die Triglyzeride, mit einer dosisabhängigen Wirkung und hoher Sicherheit. Das ist ein legitimes Ziel, und dort lohnt sich der Einsatz. Bei der allgemeinen Herz-Kreislauf-Vorsorge dagegen gewinnen die Erwartungen daran, angepasst zu werden, was Enttäuschungen und schlecht ausgerichtete Käufe erspart.

Wer weiterlesen möchte, wie sich die Belege eines Nährstoffs lesen lassen, findet in zwei Artikeln eine Fortsetzung: unser Dossier zum Coenzym Q10 und jenes zum Vitamin E.

Häufige Fragen

Schützt Omega-3 das Herz?

Die am besten gesicherte Wirkung betrifft die Triglyzeride, mit einem Rückgang von rund 15 %, dosisabhängig und mit hoher Sicherheit. Auf die Herz-Kreislauf-Ereignisse selbst beobachtet die Cochrane-Übersicht, die 86 randomisierte Studien und knapp 163 000 Teilnehmende zusammenfasst, einen leichten Nutzen bei der koronaren Herzkrankheit und keinen klaren Effekt auf die Gesamtsterblichkeit. Der Nutzen ist also real, aber gezielt: ein präzises Werkzeug für die Triglyzeride, keine Herz-Kreislauf-Versicherung.

Welche Dosis EPA und DHA soll man nehmen?

Die Antwort hängt vom Ziel ab, und ein Befund überrascht: In den vorab geplanten Auswertungen der Cochrane-Übersicht unterschieden sich die Wirkungen auf Herz-Kreislauf-Ereignisse weder nach Dosis noch nach Dauer. Die Dosis zu erhöhen verwandelt ein neutrales Ergebnis also nicht in ein positives. Bei den Triglyzeriden dagegen ist die Wirkung sehr wohl dosisabhängig. Das ist das einzige Feld, auf dem sich die Mengenfrage wirklich stellt, und sie wird mit einer Ärztin oder einem Arzt besprochen.

Senkt Omega-3 die Triglyzeride?

Ja, das ist das solideste Ergebnis der ganzen Übersicht: ein Rückgang von rund 15 %, dosisabhängig, mit hoher Sicherheit. Das ist eine reale und reproduzierbare biologische Wirkung. Die Abkürzung ist allerdings zu vermeiden: Einen Blutwert zu senken ist nicht dasselbe wie einen Herzinfarkt zu verhindern, wie der Gegensatz zu den anderen Ergebnissen derselben Auswertung zeigt.

Fisch essen oder Kapseln nehmen?

Die Übersicht hält fest, dass es wenige Daten zu den Wirkungen des Fischverzehrs selbst gibt, da die meisten Studien Kapseln geprüft haben. Das entwertet den Fisch nicht: Er liefert auch Proteine, Jod und Selen, die eine Kapsel nicht bringt. In der Praxis bleibt es sinnvoll, fetten Fisch in die Ernährung einzubauen, ohne davon eine spektakuläre Schutzwirkung zu erwarten.

Ersetzen Leinsamen das Fischöl?

Nicht ganz. Pflanzen liefern Alpha-Linolensäure, die der Körper mit geringer Ausbeute in EPA und dann in DHA umwandelt. Die Übersicht wertet beide denn auch getrennt aus: Für ALA kommt sie zu wenig oder keinem Unterschied bei der Sterblichkeit, mit zwei leichten Signalen, einer möglichen kleinen Verringerung der Herz-Kreislauf-Ereignisse und einer wahrscheinlichen Verringerung des Risikos für Herzrhythmusstörungen, bei deutlich kleineren Fallzahlen.

Was taugen Algenöle für Vegetarierinnen und Vegetarier?

Sie liefern EPA und DHA direkt, ohne Umweg über den Fisch, was sie zur passenden Quelle für vegetarisch und vegan lebende Menschen macht, bei denen die Umwandlung von ALA begrenzt bleibt. Was die erwarteten Wirkungen angeht, liefern sie dieselben Moleküle wie Fischöl und werden mit demselben Raster gelesen: klare Wirkung auf die Triglyzeride, begrenzte Wirkung auf Herz-Kreislauf-Ereignisse.

Gibt es Vorsichtsmassnahmen?

Ja. In hoher Dosis kann Omega-3 die Blutgerinnung beeinflussen: Erwähnen Sie es, wenn Sie ein gerinnungshemmendes oder blutplättchenhemmendes Mittel einnehmen, und vor einem chirurgischen Eingriff. Wie bei jedem Präparat nennen Sie es in der Sprechstunde wie ein Medikament. Und zur Erinnerung: Ein Nahrungsergänzungsmittel behandelt, verhütet und heilt keine Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Warum hört man so viel Gutes über Omega-3?

Weil Beobachtungsstudien, die Bevölkerungsgruppen vergleichen, günstige Zusammenhänge zeigen, und weil der biologische Mechanismus plausibel ist. Doch sobald man zur randomisierten Studie übergeht, bei der ausgelost wird, wer was erhält, schrumpft der erwartete Nutzen stark. Das ist eine klassische Diskrepanz in der Ernährungsforschung, und genau deshalb sind systematische Übersichten randomisierter Studien bei solchen Fragen massgebend.

Quellen und Referenzen (auf PubMed überprüft)

2 Quellen
  1. Abdelhamid A.S., Brown T.J., Brainard J.S. et al. (2020). Omega-3 fatty acids for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. | Cochrane Database of Systematic Reviews | 86 randomisierte Studien, 162 796 Teilnehmende, Dosen von 0,5 bis über 5 g pro Tag: wenig oder keine Wirkung auf die Gesamtsterblichkeit und die Herz-Kreislauf-Ereignisse (hohe Sicherheit); leichte Verringerung der koronaren Ereignisse (167 zu behandelnde Personen für ein verhindertes Ereignis, geringe Sicherheit); kein Unterschied nach Dosis oder Dauer; Rückgang der Triglyzeride um rund 15 %, dosisabhängig (hohe Sicherheit)
  2. Yurko-Mauro K., Kralovec J., Bailey-Hall E., Smeberg V., Stark J.G., Salem N. (2015). Similar eicosapentaenoic acid and docosahexaenoic acid plasma levels achieved with fish oil or krill oil in a randomized double-blind four-week bioavailability study. | Lipids in Health and Disease | randomisierte Doppelblindstudie, 66 Erwachsene, 1,3 g/Tag EPA und DHA über 4 Wochen: kein wesentlicher Unterschied der Plasmawerte oder des Omega-3-Index zwischen Fischöl als Ethylester, als Triglyzeride und Krillöl, bei gleicher Dosis. Autorinnen und Autoren einem Zutatenhersteller zugehörig