Welche Auswirkung haben Nahrungsergänzungsmittel auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit?
Sofort-Zusammenfassung
Für die Allgemeinbevölkerung bringen Nahrungsergänzungsmittel keinen nachgewiesenen kardiovaskulären Schutz; die vom HUG geleiteten europäischen Kardiologieempfehlungen 2025 stufen sie sogar als zu meiden ein.
Schlüsselfakten
Wichtigste Punkte
- Fast jede dritte Person in der Schweiz nimmt mindestens ein Nahrungsergänzungsmittel ein, gemäss dem Schweizerischen Ernährungsbulletin 2023 des BLV.
- Die 2025 veröffentlichten und von Prof. François Mach (HUG) geleiteten europäischen Kardiologieempfehlungen stufen Nahrungsergänzungsmittel als zu meiden für den kardiovaskulären Schutz ein.
- Rezeptpflichtiges Omega-3 senkt das Infarktrisiko bei Hochrisikopatienten um rund 16 %, erhöht aber das Arrhythmierisiko jenseits von 1800 mg pro Tag.
- Roter Reisschimmel senkt das LDL-Cholesterin in unreglementierter Dosis um 15 bis 34 %, verursacht aber dieselben unerwünschten Wirkungen wie ein pharmazeutisches Statin.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen in der Schweiz rund 20 000 Todesfälle pro Jahr und sind damit die häufigste Todesursache des Landes gemäss der Schweizerischen Herzstiftung. Vor diesem Hintergrund versuchen viele, ihr Herz mit einem Nahrungsergänzungsmittel zu schützen — Omega-3, Vitamin D, roter Reisschimmel, Coenzym Q10. Was sagen die jüngsten wissenschaftlichen Studien aber wirklich? Dieser Artikel fügt sich in den umfassenden Ratgeber zu den nachgewiesenen Vorteilen der Ergänzungsmittel ein und zieht, Studie für Studie, Bilanz darüber, was die Schweizer und internationale Kardiologie heute empfiehlt.
Was sagen die aktuellen Studien zu Ergänzungsmitteln und Herz?
Schützen die Ergänzungsmittel das Herz in der Allgemeinbevölkerung wirklich?
Nein, kein kardiovaskulärer Nutzen ist für die gesunde Allgemeinbevölkerung belegt. Die jüngsten grossen Meta-Analysen zeigen keinen Rückgang der Herzsterblichkeit oder der Infarkte bei Erwachsenen in der Primärprävention, weder mit Multivitaminprodukten, Antioxidantien, Kapseln noch mit aus der Ernährung gewonnenen Omega-3-Tabletten. Eine 2024 von Dong und Kollegen veröffentlichte Analyse von 12 randomisierten klinischen Studien mit 99 830 Teilnehmenden[3] zeigt einen Nutzen nur in pharmazeutischer Dosis bei bereits identifizierten Hochrisikopatienten — jenen, die mehrere Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder erhöhten Blutcholesterinspiegel kumulieren. Für die Allgemeinbevölkerung bleiben die Vorteile statistisch nicht signifikant[3], und ein gesunder Lebensstil aus ausgewogener Ernährung und regelmässiger körperlicher Aktivität bleibt der Haupthebel, um eine gute Herzgesundheit zu erhalten.
Was sagen die vom HUG geleiteten europäischen Empfehlungen 2025?
Sie stufen die Nahrungsergänzungsmittel als zu meiden für den Herzschutz ein. Das im European Heart Journal im November 2025 veröffentlichte Dokument[1], geleitet von Prof. François Mach, Chefarzt der Kardiologie an den Universitätsspitälern Genf, vergibt Nahrungsergänzungsmitteln mit Vitaminen, dem roten Reisschimmel und den Phytosterolen für die kardiovaskuläre Prävention eine negative Empfehlung, ob als Flasche, Kapsel oder Pflanzenextrakt angeboten. Prof. Mach fasst die Haltung im offiziellen HUG-Communiqué zusammen[2]: man darf sich auf diese Produkte nicht verlassen, um sein Herz zu schützen oder das Cholesterin zuverlässig zu senken. Diese Antwort findet bei den europäischen Kardiologinnen und Kardiologen heute Konsens, die die Leserschaft vor jeder Behandlung an die ärztliche Beratung verweisen.
Welche Ergänzungsmittel zeigen einen kardiovaskulären Nutzen?
Senkt Omega-3 wirklich das Infarktrisiko?
Ja, aber nur in pharmazeutischer Dosis bei Hochrisikopatientinnen und -patienten. Die 2024 in Nutrition Journal veröffentlichte Meta-Analyse von Dong und Kollegen zeigt eine Senkung des Herzinfarktrisikos um rund 16 %[3] und der herzbedingten Sterblichkeit um 9 %[3] bei Patientinnen und Patienten, die rezeptpflichtige Omega-3-Fettsäuren einnehmen. Eine zweite, im selben Jahr von Dinu und Kollegen veröffentlichte Meta-Analyse mit 134 144 Teilnehmenden findet ein ähnliches Signal mit einer Senkung der koronaren Revaskularisationen um rund 10 %[4]. Diese Ergebnisse beruhen auf hohen Dosen von gereinigtem EPA und DHA, als Ergänzung zu Statinen verschrieben, nie auf Fischölkapseln aus dem Supermarkt mit 500 mg oder auf Pflanzenvarianten aus Leinöl oder Rapsöl. Für die Allgemeinbevölkerung bleibt die Zufuhr über zwei Portionen fetten Fisch pro Woche, Omega-3-reiche Lebensmittel und etwas Olivenöl die von der Schweizerischen Herzstiftung empfohlene Option[10], um eine normale Herzfunktion zu erhalten.
Senkt der rote Reisschimmel wirklich das Cholesterin?
Ja, und vergleichbar mit einem niedrig dosierten pharmazeutischen Statin. Die 2023 in Nutrients von Cicero und Kollegen veröffentlichte Synthese weist eine Senkung des LDL-Cholesterins um 15 bis 34 % gegenüber Placebo aus[6], je nach verabreichter Monacolin-K-Dosis. Dieses Wirkmolekül im Nahrungsergänzungsmittel aus fermentiertem rotem Reis ist chemisch identisch mit Lovastatin, einem Arzneimittel[6]. Genau aus diesem Grund verbietet die Europäische Union seit Juni 2022 Produkte mit 3 mg oder mehr Monacolinen pro Tagesdosis. Die Nebenwirkungen sind dieselben wie bei den Statinen: Muskelschmerzen, Leberstörungen, Wechselwirkungen mit Medikamenten, die vor jeder Einnahme die Beratung durch eine Gesundheitsfachperson erfordern.
Welche Ergänzungsmittel bergen Risiken für das Herz?
Können Omega-3 in hoher Dosis Arrhythmien auslösen?
Ja, und das Risiko steigt proportional zur Dosis. Die von Gencer und Kollegen 2021 in Circulation veröffentlichte und vom kardiologischen Dienst des HUG geleitete Meta-Analyse hat sieben klinische Studien mit 81 210 Patientinnen und Patienten zusammengeführt: bei rund 1000 mg pro Tag steigt das Vorhofflimmerrisiko um rund 12 %[12]; jenseits von 1 g pro Tag steigt es um rund 49 %[12]. Eine Übersicht von 2024 von O’Keefe und Kollegen schlägt einen Mechanismus vor: die Omega-Fettsäuren modulieren den vagalen Tonus des autonomen Nervensystems[5], was die atrialen Refraktärperioden verlängern, aber auch Arrhythmie-Auslöser bei bestimmten Personen begünstigen kann, insbesondere bei jenen mit oxidativem Stress oder chronischem entzündlichem Hintergrund. Die europäische Empfehlung 2025 begrenzt das verschriebene Omega-3 nun auf 4 g pro Tag[1], unter kardiologischer Überwachung, um die schützende Rolle des Nährstoffs zu erhalten, ohne die normale Funktion des Herzmuskels zu beeinträchtigen.
Welche Vitamine in Überdosierung können das Herz schädigen?
Die fettlöslichen Vitamine A, D und E bündeln den Grossteil des Risikos. In sehr hoher Dosis kann Vitamin D eine arterielle Verkalkung begünstigen, die die Blutgefässe versteift; Vitamin A kann eine Lebertoxizität mit vaskulärer Auswirkung verursachen; Vitamin E über 400 IE pro Tag ist gemäss mehreren Meta-Analysen mit einem leichten Anstieg der Gesamtsterblichkeit verbunden. Weitere Mineralstoffe wie Kalium oder Mikronährstoffe wie Folsäure und Vitamin B12 können bei Überdosierung das Herz-Kreislauf-System ebenfalls aus dem Gleichgewicht bringen, besonders bei bestehender Nierenkrankheit. Das Schweizerische Ernährungsbulletin 2023 des BLV dokumentiert mehrere Überschreitungen der tolerierbaren Höchstzufuhr bei Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten[9], insbesondere durch Kombinationen mehrerer Produkte mit denselben Vitaminen, was rechtfertigt, vor der Kumulation der Einnahmen eine Fachperson zu konsultieren.
Wie schützt man sein Herz in der Schweiz wirklich?
Welche Strategie ist von den Schweizer Kardiologinnen und Kardiologen validiert?
Die Schweizerische Herzstiftung[10] fasst die Strategie in fünf Hebeln zusammen: ausgewogene Ernährung mediterraner Prägung, regelmässige körperliche Aktivität (150 Minuten pro Woche moderater Intensität, Ausdauersport und Muskelaufbau kombiniert), Tabak meiden, Blutdruckkontrolle und Cholesterinkontrolle. Dieser Ansatz verbindet die Begrenzung von rotem Fleisch, den Konsum von herzgesunden Lebensmitteln — Olivenöl, fetter Fisch, kaliumreiches Gemüse, schwarzer Knoblauch, rote Weinrebe — und den Erhalt eines gesunden Gewichts, um die Blutzirkulation zu verbessern und den Blutdruck zu senken. Diese Strategie würde bis zu 80 % der vermeidbaren kardiovaskulären Todesfälle senken[10], gemäss den Schätzungen der Stiftung. Kein Nahrungsergänzungsmittel steht in dieser ersten Reihe. Innerhalb dieses Ernährungsansatzes haben bestimmte flavanolreiche Lebensmittel wie ungesüsster dunkler Kakao oder Grüntee eine bescheidene dokumentierte Wirkung auf den Blutdruck, mit einer mittleren Senkung von 2 bis 3 mmHg der Praxis-Systolik[8], und bis zu rund 6 mmHg bei Hypertonikerinnen und Hypertonikern gemäss der 2025 veröffentlichten Meta-Analyse von Lagou und Kollegen[8]. Prof. Nicolas Rodondi, Chefarzt am Inselspital Bern, erinnert in Planète Santé[11] daran, dass die Ernährungszufuhr an Omega-3, Calcium und Vitamin D ausreicht, um den Bedarf der Mehrheit der gesunden Erwachsenen zu decken.
Welche Stellung haben die Ergänzungsmittel in dieser Strategie?
Eine sekundäre Stellung, und nur auf medizinische Indikation. Bei Patientinnen und Patienten mit sehr hohem kardiovaskulärem Risiko kann Omega-3 in verschriebener Form unter kardiologischer Überwachung zur Statintherapie hinzugefügt werden. Bei Patientinnen und Patienten unter Statinen mit Unverträglichkeit gegenüber pharmazeutischen Molekülen kann der rote Reisschimmel in sehr niedriger Dosis mit einer Ärztin oder einem Arzt besprochen werden. Bei Patientinnen und Patienten mit diagnostizierter Herzinsuffizienz deuten bestimmte Studien wie die 2024 veröffentlichte Meta-Analyse von Xu und Kollegen einen potenziellen Nutzen von Coenzym Q10[7] auf die Herzfunktion an, doch diese Entscheidung bleibt der Kardiologin oder dem Kardiologen vorbehalten, die die Antwort an das Profil der Patientin oder des Patienten anpassen. Ausserhalb dieser präzisen Indikationen wird kein Nahrungsergänzungsmittel als erste Wahl für die Herzgesundheit empfohlen. Der Rat einer Ärztin oder eines Arztes bleibt vor jeder Selbst-Supplementierung unerlässlich, besonders bei kardiovaskulärer Vorgeschichte, in der Schwangerschaft oder bei Einnahme eines Medikaments, das mit den Wirkstoffen interagieren könnte.
Häufig gestellte Fragen zu Ergänzungsmitteln und Herzgesundheit
Empfehlen Kardiologinnen und Kardiologen Nahrungsergänzungsmittel für das Herz?
Nein, nicht für die Allgemeinbevölkerung. Die 2025 veröffentlichten und vom HUG geleiteten europäischen Kardiologieempfehlungen sprechen den Nahrungsergänzungsmitteln zum kardiovaskulären Schutz eine negative Empfehlung zu[1]. Prof. François Mach, Erstautor des Dokuments, erinnert daran, dass man sich nicht auf diese Ergänzungsmittel verlassen darf, um das Herz zu schützen[2]. Eine Ausnahme besteht: rezeptpflichtiges Omega-3 kann bei bestimmten Patientinnen und Patienten mit sehr hohem kardiovaskulärem Risiko verschrieben werden[3].
Welche Vitamine können bei Überdosierung das Herz schädigen?
Die Vitamine A, D und E können in Überschuss kardiovaskuläre Folgen haben. Es sind fettlösliche Vitamine, die sich im Körper anreichern: bei sehr hoher Dosis kann Vitamin D eine arterielle Verkalkung begünstigen, und ein Überschuss an Kalium oder Vitamin B6 kann den Herzrhythmus stören. Das BLV hat in seinem Ernährungsbulletin 2023 mehrere Fälle von Überschreitung der tolerierbaren Höchstzufuhr bei Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten erfasst[9]. Wasserlösliche Vitamine wie Vitamin C werden über den Urin ausgeschieden und stellen ein geringeres Überdosierungsrisiko dar.
Welche Ergänzungsmittel können Herzklopfen auslösen?
Die Hauptverdächtigen sind konzentriertes Koffein, Omega-3 in sehr hoher Dosis und Energiekomplexe. Koffein über 400 mg pro Tag kann bei empfindlichen Personen Herzklopfen auslösen; Omega-3 bei 1800-4000 mg pro Tag ist mit einem erhöhten Vorhofflimmerrisiko verbunden, gemäss der von Gencer und Kollegen 2021 in Circulation veröffentlichten Meta-Analyse[12], von Genf aus geleitet. Jedes anhaltende oder ungewöhnliche Herzklopfen rechtfertigt unverzüglich eine ärztliche Beratung, besonders bei kardiovaskulärer Vorgeschichte oder Medikamenteneinnahme.
Ist roter Reisschimmel gefährlich für das Herz?
Nicht systematisch, doch er ist mittlerweile in Europa reglementiert. Er enthält Monacoline, die einem pharmazeutischen Statin nahekommen[6]: in hoher Dosis kann er Muskelschmerzen oder Leberstörungen verursachen, wie die Statine. Seit Juni 2022 verbietet die Europäische Union Ergänzungsmittel mit 3 mg oder mehr Monacolinen pro Tagesdosis. Die 2025 veröffentlichten europäischen Kardiologieempfehlungen stufen ihn auch in niedrigerer Dosis als zu meiden für den kardiovaskulären Schutz ein[1].
Welche Pflanzen werden für die Herzgesundheit verwendet?
Knoblauch, Weissdorn, Olivenbaum und bestimmte Flavonoide (Kakao, Grüntee) sind die am besten untersuchten. Sie können den Blutdruck leicht senken oder die Funktion der Blutgefässe verbessern. Die 2025 veröffentlichte Meta-Analyse von Lagou und Kollegen zu Flavanolen zeigt eine moderate Senkung um rund 3 mmHg des Blutdrucks bei Personen mit erhöhtem Blutdruck[8]. Keine dieser Pflanzen ersetzt eine verschriebene Behandlung bei Bluthochdruck oder bestätigter Herzkrankheit — sie können unterstützen, nie heilen.
Quellen und Referenzen
12 Quellen- Mach F, et al. 2025 Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias
- Universitätsspitäler Genf — Cholesterinüberschuss: die Schweizer Kardiologie leitet die neuen internationalen Empfehlungen
- Dong S, et al. Effects of omega-3 polyunsaturated fatty acid prescription drug on cardiovascular events
- Dinu M, et al. Effects of omega-3 supplementation on cardiovascular events and revascularization
- O’Keefe EL, et al. Omega-3 fatty acids and atrial fibrillation: a complex relationship
- Cicero AFG, et al. Red yeast rice for the improvement of lipid profiles in mild-to-moderate hypercholesterolemia
- Xu J, et al. Effect of coenzyme Q10 supplementation on patients with heart failure: a meta-analysis
- Lagou V, et al. Flavan-3-ols and blood pressure : an updated meta-analysis
- BLV — Schweizerisches Ernährungsbulletin 2023
- Schweizerische Herzstiftung — Eine herzgesunde Ernährung
- Planète Santé — Sich um das Herz mit Naturprodukten kümmern
- Gencer B, et al. Effect of long-term marine omega-3 fatty acids supplementation on the risk of atrial fibrillation