Welche Vorteile von Nahrungsergänzungsmitteln sind wissenschaftlich belegt?

Sofort-Zusammenfassung

Die tatsächlich belegten Vorteile konzentrieren sich auf sechs Felder: Knochengesundheit, Schlaf, kardiovaskuläre Prävention, kognitive Funktionen, Haut und Gewichtsmanagement — mit sehr ungleichem Beweisniveau von Nährstoff zu Nährstoff.

Schlüsselfakten

BLV Schweizer Bundesbehörde, welche die Sicherheit von Nahrungsergänzungsmitteln überwacht und die nationalen Konsumdaten veröffentlicht.
Vitamin D Das in der Supplementierung am meisten untersuchte Vitamin, in Kombination mit Calcium zur Sturzreduktion bei älteren Menschen belegt.
Omega-3 EPA/DHA Mehrfach ungesättigte Fettsäuren mit dokumentierter Wirkung auf kardiovaskuläre Ereignisse in pharmazeutischen Dosen.
Melatonin Körpereigenes Schlafhormon, dessen Supplementierung die Einschlafzeit verkürzt, durch klinische Studien belegt.

Wesentliche Punkte

  • Rund 30 % der erwachsenen Schweizerinnen und Schweizer konsumieren wöchentlich ein Nahrungsergänzungsmittel, gemäss BLV-Erhebung 2022 bei 1 282 Personen.
  • Vitamin D kombiniert mit Calcium senkt das Sturzrisiko im Pflegeheim, reduziert jedoch nicht die Frakturen bei gesunden älteren Menschen.
  • Verschreibungspflichtige Omega-3-Fettsäuren, an knapp 100 000 Patientinnen und Patienten untersucht, senken das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse um rund 12 %.
  • Ein Multivitamin über 2 Jahre verbessert das Gedächtnis um einen Effekt entsprechend 2 Jahren weniger kognitiver Alterung (amerikanische COSMOS-Studie, 5 200 Teilnehmende).
  • 5 g Kollagenpeptide pro Tag erhöhen die Dichte der Lederhaut und die Hautfeuchtigkeit nach 12 Wochen kontinuierlicher Einnahme.
Auswahl von Kapseln, Tabletten und Fischölkapseln auf hellem Hintergrund, welche die Vielfalt der wissenschaftlich untersuchten Nahrungsergänzungsmittel illustriert
Vitamine, Mineralstoffe, Fettsäuren und Peptide: die dokumentierten Vorteile variieren ebenso stark wie die verfügbaren Formen.

Rund 30 % der erwachsenen Schweizerinnen und Schweizer haben in den letzten sieben Tagen ein Nahrungsergänzungsmittel konsumiert, gemäss der BLV-Erhebung im Schweizer Ernährungsbulletin 2023 (1 282 Teilnehmende). Vitamine, Omega-3, Melatonin, Kollagenpeptide: diese Produkte sind in Apotheken wie online allgegenwärtig, und kommerzielle Versprechen stehen häufig neben dünnen Aussagen. Um sich zurechtzufinden, muss zwischen dem, was klinische Studien tatsächlich belegen, und dem, was Hersteller andeuten, unterschieden werden. Dieser Artikel fügt sich in den umfassenden Ratgeber zu Nahrungsergänzungsmitteln ein und sortiert die sechs Felder, in denen die Wissenschaft entschieden hat — oder zu entscheiden begonnen hat.

Skelett und Schlaf: zwei Felder mit lange etablierten Belegen

Vitamin D in Kombination mit Calcium stützt das Knochenkapital

Die Kombination Vitamin D + Calcium bleibt die am besten dokumentierte Säule der Knochensupplementierung, und ihr Nutzen variiert mit Alter und Lebensstil. Sie reduziert die Stürze im Pflegeheim und verbessert die Mineraldichte bei Schwangeren oder nach dem Abstillen. Bei diesem präzisen physiologischen Bedarf nehmen diese beiden Mikronährstoffe eine Sonderstellung im Körper ein: hier zeigt sich auch am deutlichsten der Unterschied zwischen «messbarem Nutzen» und «begrenzter Wirkung».

Eine 2024 im Journal of General Internal Medicine veröffentlichte Meta-Analyse an fast 72 000 gesunden älteren Personen kam zum Schluss, dass Vitamin D allein das Frakturrisiko insgesamt nicht senkt[1], und signalisiert sogar eine Zunahme des Hüftfrakturrisikos bei Frauen unter hochdosierter intermittierender Gabe ohne begleitendes Calcium[1]. Eine 2025 erschienene Cochrane-Übersicht zeigte hingegen, dass Vitamin D mit oder ohne Calcium die Sturzhäufigkeit bei Pflegeheimbewohnenden mit niedrigem Vitaminstatus deutlich senkt[2]. Die Unterscheidung ist wesentlich: Vitamin D korrigiert einen Vitaminmangel, es ersetzt weder körperliche Aktivität noch die Calciumzufuhr über die Nahrung. Calcium, Vitamin K2 und Belastungsübungen ergänzen das Bild der belegten Wirkungen auf die Knochengesundheit, mit je nach Alter und Hormonstatus sehr unterschiedlichen Eignungsprofilen — der Rat einer Fachperson erlaubt eine fallbezogene Dosisanpassung.

Melatonin verkürzt die Einschlafzeit

Melatonin gehört zu den wenigen Präparaten, die eine reproduzierbare klinische Wirkung auf einen objektiven Schlafparameter zeigen: die Einschlafzeit. In niedrigen Dosen (0,5 bis 5 mg), 30 bis 60 Minuten vor dem Schlafengehen eingenommen, wirkt es als Ruhesignal und nicht als chemisches Sedativum. Es wird auch bei Jetlag, Schichtarbeit und chronischem Stress untersucht, die das Wach-Schlaf-Gleichgewicht stören.

Gemäss PubMed beobachtete eine 2025 in Critical Care Medicine veröffentlichte Meta-Analyse mit 32 randomisierten Studien und knapp 3 900 Intensivpatientinnen und -patienten eine Reduktion des Delirs und eine von den Patientinnen und Patienten berichtete Verbesserung der Schlafqualität[3]. Eine weitere, 2026 bei Kindern mit atopischer Dermatitis erschienene Meta-Analyse bestätigte eine deutliche Verkürzung der Einschlafzeit ohne berichtete unerwünschte Wirkung[4]. Über Melatonin hinaus zählen unter den Mineralstoffen Magnesium und bestimmte Pflanzenextrakte wie Baldrian zu den untersuchten Hebeln für die Schlafverbesserung durch Supplementierung, mit bescheidenerem Beweisniveau, aber häufig besserer Verträglichkeit als Hypnotika. Bei anhaltender Schlaflosigkeit bleibt die Konsultation einer Fachperson der richtige Reflex vor jeder Langzeit-Einnahme.

Herz und Gehirn: was die grossen Studien wirklich gezeigt haben

Omega-3-Fettsäuren senken kardiale Ereignisse in pharmazeutischer Dosis

Die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA aus Fischölen gehören zu den weltweit am meisten untersuchten Präparaten. Ihre Wirkung auf die kardiovaskuläre Prävention hängt stark von der täglichen Zufuhr ab: frei verkäufliche Kapseln (in der Regel 250 bis 500 mg pro Tag) erzeugen keine messbare Wirkung, während hochdosierte pharmazeutische Formen (2 bis 4 g pro Tag) das Risiko bei Personen mit hohem kardiovaskulärem Risiko deutlich verändern. Diese tierischen Omega-3-Fettsäuren gehören zu den Bausteinen, welche die grossen physiologischen Funktionen des Herz-Kreislauf-Systems stützen, wenn die Ernährung sie nur in geringem Mass liefert.

−12 % kardiovaskuläres Risiko bei Patientinnen und Patienten unter verschreibungspflichtigen Omega-3-Fettsäuren während mindestens einem Jahr, gemäss einer Meta-Analyse von 12 Studien und knapp 100 000 Patientinnen und Patienten. Quelle: Dong S. et al., Nutrition Journal, 2024

Diese im Dezember 2024 in Nutrition Journal erschienene Meta-Analyse zeigte zudem einen mässigen Rückgang von Myokardinfarkten und Revaskularisationen[5]. Coenzym Q10, gealterter Knoblauch, Kalium und bestimmte lösliche Fasern ergänzen das Arsenal der untersuchten Nährstoffe für die Wirkung auf die kardiovaskuläre Gesundheit, jeder mit seinem gezielten Anwendungsfeld: leichte Hypertonie, mässige Hypercholesterinämie, Sekundärprävention nach Infarkt oder koronarer Herzkrankheit. Umgekehrt zeigten Standard-Fischöle in Selbstmedikation nicht den gleichen Nutzen wie die pharmazeutischen Formen, und Wechselwirkungen mit Antikoagulanzien erfordern vor jeder längeren Einnahme den Rat einer Fachperson.

Ein Multivitamin kann das Gedächtnis bei älteren Menschen unterstützen

Lange galten Multivitamine bei gesunden Erwachsenen als nutzlos. Die Lage ändert sich seit 2023 mit den Ergebnissen der amerikanischen COSMOS-Studie, einer der grössten je durchgeführten klinischen Studien zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, welche die Wirkung einer täglichen Multivitamin-Tablette mit einer Vielzahl an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen auf die kognitiven Funktionen untersuchte.

Die 2024 im American Journal of Clinical Nutrition veröffentlichte Teilstudie COSMOS-Clinic, ergänzt durch eine Meta-Analyse mit 5 200 Teilnehmenden über 60 Jahren, beobachtete einen bescheidenen, aber robusten Nutzen für die globale Kognition und das episodische Gedächtnis, entsprechend rund zwei Jahren weniger kognitiver Alterung[6]. Das Ergebnis macht aus dem Multivitamin allerdings kein Mittel gegen Demenz oder Krebs: B-Vitamine (B6, B9 Folsäure, B12) bei Mangel, Omega-3-DHA und bestimmte Polyphenole bleiben die weiteren dokumentierten Wege, um die kognitive Gesundheit durch ergänzende Ernährung zu unterstützen, mit Ergebnissen, die je nach Alter, Ausgangs-Ernährungszustand, Qualität der Ernährung und Einnahmedauer stark variieren. Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung bleibt die Grundlage, der ein Präparat hinzukommt, nicht ersetzt.

Goldene Fischölkapseln und Multivitamintabletten neben einer anatomischen Darstellung von Herz und Gehirn, welche die dokumentierten kardiovaskulären und kognitiven Wirkungen illustrieren
Omega-3 und Multivitamine sind die beiden Familien mit den solidesten Belegen für das Duo Herz-Gehirn.

Haut und Silhouette: zwischen soliden Daten und übertriebenen Versprechen

Kollagenpeptide verbessern tatsächlich die Hautqualität

Hydrolysiertes Kollagen in Pulver- oder Kapselform ist einer der dynamischsten Märkte der ernährungsbezogenen Kosmetik. Anders als bei vielen «Anti-Aging»-Versprechen verfügen Kollagenpeptide tierischen Ursprungs, die eine konzentrierte Quelle dermisspezifischer Proteine darstellen, über mehrere kontrollierte randomisierte klinische Studien, die konkrete Hautparameter messen: Dichte der Lederhaut, Elastizität, Feuchtigkeit, Faltentiefe.

Eine 2024 im Journal of Cosmetic Dermatology veröffentlichte doppelblinde, randomisierte Studie an 85 Frauen im Alter von 43 bis 65 Jahren mit 5 g oralen Kollagenpeptiden pro Tag beobachtete nach 12 Wochen einen signifikanten Anstieg der Dichte der Lederhaut und der Hautfeuchtigkeit sowie eine Verbesserung der Elastizität und der Sichtbarkeit der Falten[7]. Eine weitere Studie von 2023 mit Peptiden niedriger Molekülmasse an 100 Erwachsenen bestätigte diese Resultate über 12 Wochen ohne berichtete unerwünschte Wirkungen[8]. In Kombination mit Vitamin C, Zink und Hyaluronsäure zählen sie zu den dokumentierten Vorteilen für die Hautgesundheit, wobei die Effekte kosmetisch bleiben und weder bestehende Pigmentstörungen noch fortgeschrittene Lichtalterung korrigieren.

Gewichtsverlust: ein Feld, in dem Belege selten bleiben

Hier ist die Kluft zwischen Marketing-Versprechen und wissenschaftlicher Realität am grössten. Fettverbrenner, Entwässerer und «Stoffwechselbeschleuniger» stützen sich meist auf kleine, kurzfristige, teils herstellerfinanzierte Studien. Kein frei verkäufliches Präparat hat eine klinisch bedeutsame Gewichtsabnahme ohne begleitende Ernährungsumstellung belegt. Die Wahl hängt also weniger vom Format (Kapseln, Gummies, Pulver) als vom gesamten Lebensstil ab.

Vorsicht

Das BLV und die kantonalen Behörden ziehen regelmässig Schlankheitsmittel vom Markt, die in betrügerischer Weise mit nicht deklarierten arzneilichen Substanzen (Sibutramin, stimulierende Derivate) angereichert sind, insbesondere bei online ausserhalb der Schweiz gekauften Produkten.

Die einzigen dokumentierten Hebel betreffen die Sättigung und die Körperzusammensetzung, nicht den rohen Gewichtsverlust. Genau das unterscheidet die tatsächlich belegten Wirkungen auf den Gewichtsverlust von den Versprechen der «Fettverbrenner»: eine 2024 in Nature Metabolism veröffentlichte chinesische Studie an 37 übergewichtigen Personen zeigte, dass eine resistente Stärke über 8 Wochen über eine Veränderung des Mikrobioms im Mittel 2,8 kg abnehmen half[9]. Eine kanadische Studie zur präbiotischen Faser (Inulin) beobachtete nach 24 Wochen eine Reduktion des Bauchfetts und des Appetits[10]. Keines dieser Ergebnisse ersetzt eine gesunde Ernährung oder regelmässigen Sport; der Rat einer Fachperson bleibt der richtige Ausgangspunkt vor jedem Supplementierungsplan.

Kollagenpeptidpulver in einem Messlöffel neben Kapseln präbiotischer Fasern auf mineralischem Hintergrund, welche die beiden Familien mit dokumentierten kosmetischen und metabolischen Wirkungen illustrieren
Kollagenpeptide und präbiotische Fasern: zwei Familien mit messbaren Wirkungen auf Haut und Taillenumfang.

Beweise lesen: wie ein behaupteter Nutzen zu beurteilen ist

Hierarchie der Beweise: warum nicht alle Studien gleichwertig sind

Ein Wirksamkeitsversprechen beruht selten auf einer einzigen Studie. Die Zuverlässigkeit eines Nutzens hängt vom verfügbaren Forschungstyp ab. An der Spitze bieten Meta-Analysen mehrerer kontrollierter randomisierter klinischer Studien das solideste Beweisniveau. Es folgen rigorose Einzelstudien, dann Beobachtungsstudien und schliesslich Erfahrungsberichte und Fallstudien — nützlich zur Hypothesenbildung, unzureichend für Schlüsse. Den Nährwert und die Deklaration eines Produkts zu lesen, gehört zu den grundlegenden Ratschlägen vor der Wahl eines Nahrungsergänzungsmittels.

Für Vitamin D, Omega-3 oder Melatonin gibt es Dutzende Studien. Für viele Pflanzenextrakte und proprietäre Mischungen liegen nur kleine Studien vor, was keinen Schluss auf eine tatsächlich nutzbringende Wirkung erlaubt. Die BLV-Erhebung 2022 zum Konsumverhalten in der Schweiz zeigt, dass ein bedeutender Teil der Käufe auf Empfehlungen in sozialen Netzwerken (Facebook, Instagram) oder Werbung beruht und nicht auf nachprüfbaren wissenschaftlichen Beweisen[11]. Die Kehrseite: viele Konsumierende wählen ihr Produkt ohne vorgängige Diagnose oder fachlichen Rat.

Was die rechtlich zulässigen Schweizer Aussagen erlauben — und was sie ausschliessen

In der Schweiz sind die auf einem Nahrungsergänzungsmittel verwendeten Angaben und gesundheitsbezogenen Aussagen durch die Verordnung des EDI über die Information über Lebensmittel (LIV) streng geregelt und werden durch das BLV kontrolliert. Ein Hersteller darf angeben, dass ein Nährstoff zu einer Funktion «beiträgt», wenn die Wirkung durch die im Schweizer Recht übernommene Positivliste der Europäischen Union belegt ist — zum Beispiel «Vitamin C trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei» oder «Eisen hilft, Müdigkeit zu verringern». Umgekehrt darf kein Präparat beanspruchen, eine Infektions- oder chronische Krankheit zu heilen, zu verhüten oder zu behandeln.

Guter Reflex

Zur Überprüfung der Gültigkeit einer Aussage muss der Hersteller die Positivliste der in der Schweiz zugelassenen Aussagen sowie die Studie oder die wissenschaftliche Stellungnahme nennen können, auf der sie beruht — nicht blosse Kundenstimmen.

Dieses Lesegitter hilft, Präparate mit solide etablierten Vorteilen (Vitamin D, verschreibungspflichtige Omega-3, Melatonin, Kollagen in angemessener Dosis, Multivitamin bei älteren Menschen) von Produkten mit breiten Versprechen, aber dünner wissenschaftlicher Basis zu unterscheiden. Für eine auf die individuelle Situation abgestimmte Beratung bleibt eine Fachperson der richtige Ansprechpartner — Hausärztin, Apotheker oder Ernährungsberaterin — um vor dem Befüllen des Warenkorbs das Verhältnis zwischen Nutzen und Kosten einer Supplementierung zu beurteilen.

Häufig gestellte Fragen zu den Vorteilen von Nahrungsergänzungsmitteln

Sind alle Nahrungsergänzungsmittel wissenschaftlich belegt?

Nein, das Beweisniveau variiert stark je nach Molekül und Indikation. Vitamin D in Kombination mit Calcium für die Knochengesundheit, verschreibungspflichtige Omega-3-Fettsäuren zur kardiovaskulären Prävention oder Melatonin zur Verkürzung der Einschlafzeit profitieren von soliden Meta-Analysen. Umgekehrt beruhen viele Produkte, die zum Fettverbrennen, zur Stärkung der Abwehrkräfte oder zur Verlangsamung des Alterns vermarktet werden, auf begrenzten, teils herstellerfinanzierten Studien. Das BLV erinnert zudem daran, dass ein Präparat eine unausgewogene Ernährung nicht ausgleichen kann.

Muss man ein Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, um gesund zu bleiben?

Nicht systematisch. Eine abwechslungsreiche Ernährung deckt bei einer gesunden erwachsenen Person den Grossteil des Vitamin- und Mineralstoffbedarfs. Eine Supplementierung ist sinnvoll bei einem durch Blutuntersuchung nachgewiesenen Mangel, einem besonderen physiologischen Zustand (Schwangerschaft, Stillzeit, intensiver Sport) oder einem identifizierten Risikofaktor wie geringer winterlicher Sonneneinstrahlung für Vitamin D. Die Erhebung menuCH zeigte, dass dennoch rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung Präparate einnimmt, häufig ohne vorgängige Diagnose.

Nach welcher Zeit zeigen sich die Wirkungen eines Nahrungsergänzungsmittels?

Die Frist hängt vom Ziel ab. Melatonin wirkt ab der ersten Einnahme auf das Einschlafen, innerhalb weniger Dutzend Minuten. Hautwirkungen eines Kollagenpeptids zeigen sich in der Regel nach 4 bis 12 Wochen kontinuierlicher Einnahme. Für die Knochengesundheit lässt sich der Nutzen von Vitamin D und Calcium über mehrere Monate, ja Jahre beurteilen. Für die Kognition beobachtete die amerikanische COSMOS-Studie nach zwei Jahren täglicher Einnahme eines Multivitamins eine messbare Wirkung auf das Gedächtnis.

Kann ein Nahrungsergänzungsmittel ein Arzneimittel ersetzen?

Nein. Im Schweizer Recht ist ein Nahrungsergänzungsmittel ein Lebensmittel unter Aufsicht des BLV, kein durch Swissmedic zugelassenes Arzneimittel. Es darf daher weder eine therapeutische Wirkung beanspruchen noch liefern. Selbst wenn ein Nährstoff dokumentierte Vorteile zeigt, wie Omega-3 in pharmazeutischer Dosis nach Herzinfarkt, bleibt der Weg über eine ärztliche Verschreibung unerlässlich, denn Dosis, Reinheit und ärztliche Begleitung verändern alles. Bei einer Erkrankung bleibt die Ärztin oder der Arzt die einzig kompetente Ansprechperson.

Wie erkennt man, ob ein Nahrungsergänzungsmittel wirklich wirksam ist?

Drei praktische Kriterien helfen bei der Auswahl. Erstens das Vorliegen von Meta-Analysen in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften wie PubMed und nicht blosse Erfahrungsberichte. Zweitens die Übereinstimmung zwischen Form und Dosis im Handel und in den Studien getesteten Mengen: 1 000 bis 2 000 IE pro Tag für Vitamin D, 0,5 bis 5 mg für Melatonin, 5 bis 10 g für Kollagen. Drittens die Transparenz des Herstellers zu Herkunft, präziser Dosierung und allfälligen Qualitätsprüfungen durch ein unabhängiges Labor.

Werden Vitamine und Mineralstoffe aus einem Präparat besser aufgenommen als aus Lebensmitteln?

Nicht systematisch. Bei den meisten Nährstoffen verbessert die Lebensmittelmatrix eher die Aufnahme, da Fasern, Lipide und andere Kofaktoren den Darmübertritt erleichtern. Häm-Eisen aus Fleisch, Calcium aus Milchprodukten oder Vitamin K aus grünem Gemüse werden über die Ernährung besser aufgenommen als über ein alleiniges Präparat. Umgekehrt zeigen Vitamin B12 als Methylcobalamin und öliges Vitamin D3 eine vergleichbare, teils bessere Bioverfügbarkeit als einige Nahrungsquellen. Grundregel: die Ernährung ergänzen, nicht ersetzen.

Besteht ein Risiko, ein Nahrungsergänzungsmittel ohne nachgewiesenen Mangel einzunehmen?

Ja, bei einigen Nährstoffen. Die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K reichern sich im Körper an und können bei langer hochdosierter Einnahme toxische Schwellen erreichen. Eine Eisenüberladung fördert oxidativen Stress. Die Meta-Analyse von Souza et al. (2024) beobachtete sogar eine Zunahme von Hüftfrakturen bei älteren Frauen, die intermittierend hochdosiertes Vitamin D ohne Calcium oder dokumentierten Status einnahmen. Vor jeder längeren Supplementierung ermöglichen eine Blutuntersuchung und der Rat einer Fachperson, den tatsächlichen Bedarf zu erkennen.

Quellen und Referenzen

11 Quellen
  1. de Souza M.M. et al. (2024). Vitamin D Supplementation and the Incidence of Fractures in the Elderly Healthy Population: A Meta-analysis of Randomized Controlled Trials. — Journal of General Internal Medicine, 39(14), 2829-2836. 7 RCTs, 71 899 Teilnehmende.
  2. Dyer S.M. et al. (2025). Interventions for preventing falls in older people in care facilities. — Cochrane Database of Systematic Reviews, 8, CD016064. Cochrane-Übersicht, 104 Studien, 68 964 Teilnehmende.
  3. Tang B.H.Y. et al. (2025). Melatonin Use in the ICU: A Systematic Review and Meta-Analysis. — Critical Care Medicine, 53(9), e1714-e1724. 32 RCTs, 3 895 Intensivpatientinnen und -patienten.
  4. Alghamdi F. et al. (2026). Effectiveness of melatonin supplementation for improving sleep quality and disease severity in children with atopic dermatitis: a systematic review and meta-analysis. — Frontiers in Medicine, 12, 1718859. Meta-Analyse pädiatrischer RCTs.
  5. Dong S. et al. (2024). The effect of omega-3 Polyunsaturated Fatty Acid (PUFA) prescription preparations on the prevention of clinical cardiovascular disease: a meta-analysis of RCTs. — Nutrition Journal, 23(1), 157. 12 RCTs, 99 830 Teilnehmende.
  6. Vyas C.M. et al. (2024). Effect of multivitamin-mineral supplementation versus placebo on cognitive function: COSMOS trial and meta-analysis. — American Journal of Clinical Nutrition, 119(3), 692-701. COSMOS-Studie, 5 203 Teilnehmende ≥ 60 Jahre.
  7. Vleminckx S. et al. (2024). Influence of collagen peptide supplementation on visible signs of skin and nail health and -aging in an East Asian population. — Journal of Cosmetic Dermatology, 23(11), 3645-3653. Doppelblinde RCT, 85 Frauen 43-65 Jahre.
  8. Seong S.H. et al. (2023). Low-molecular-weight collagen peptides supplement promotes a healthy skin: A randomized, double-blinded, placebo-controlled study. — Journal of Cosmetic Dermatology, 23(2), 554-562. RCT, 100 Erwachsene, 12 Wochen.
  9. Li H. et al. (2024). Resistant starch intake facilitates weight loss in humans by reshaping the gut microbiota. — Nature Metabolism, 6(3), 578-597. Cross-over-RCT, 37 übergewichtige Erwachsene, 8 Wochen.
  10. Mayengbam S. et al. (2025). Effects of combined prebiotic fiber supplementation and weight loss counseling in adults with metabolic dysfunction-associated steatotic liver disease: a randomized controlled trial. — European Journal of Nutrition, 64(4), 144. RCT, 42 Erwachsene, 24 Wochen.
  11. BLV (2023). Der Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln in der Schweiz. Schweizer Ernährungsbulletin 2023. — Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, Bern. Nationale Erhebung, 1 282 Erwachsene.

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